Rossgraben, 7. Juni 2010
Wir hatten gewusst, dass für Sonntag, 6. Juni 2010 ein Gewitter für den späteren Nachmittag vorhergesagt war. Niemals hätten wir jedoch gedacht, dass es so schlimm kommen würde. Der Tag hatte sich wie ein normaler, gemütlicher Sonntag abgespielt. Strahlend schönes Wetter hatte viele Badetouristen ins Schwarzwasser gelockt und bereits um 9.00 Uhr in der Früh brannten die ersten Lagerfeuer auf den diversen Sandbänken. Da wir beide die vergangenen zwei Wochen beruflich viel Unterwegs gewesen waren, entschieden wir, den Tag gemütlich mit Rasenmähen und Hundefellpflege zu verbingen.
Kurz nach dem Mittag regte ich an, dass wir doch wieder mal auswärts zu Abend essen könnten. Dani war sofort einverstanden. So rief ich seinen Bruder an und wir organisierten zusammen mit ein paar Freunden, dass wir uns alle gegen Abend in Neuenegg treffen und dann entscheiden, in welches Restaurant wir gehen würden.
Am späteren Nachmittag zogen die ersten Gewitterwolken auf. Wir wunderten uns noch, dass so viele der Badegäste im Schwarzwasser immernoch gemütlich herumplanschten, anstatt zusammenzupacken. Man weiss, dass das Schwarzwasser bei Gewitter rasch ansteigen und dabei recht gefährlich werden kann. Gegen 17.30 Uhr hatte ich plötzlich ein komisches Bauchgefühl. Irgendwie wollte ich nicht mehr weggehen, sondern einfach bei den Hunden bleiben und den Abend zusammen mit ihnen geniessen. Ich teilte dies Dani mit. Er entschied trotzdem zu gehen und fragte mich noch, ob es mir nichts ausmachte alleine zu Hause zu bleiben. Ich verneinte und war erleichtert, dass ich meines plötzlichen Stimmungsumschwungs ohne Widerstand Folge leisten konnte.
Kaum war Dani gegangen, setzte das Gewitter ein. Nichts ungewöhnliches, wir sind uns heftige Gewitter mehr als gewöhnt. Es goss wie aus Kübeln. Ich hoffte, dass es wieder ein wenig nachlassen würde, damit ich die Hunde wenigstens nicht im strömenden Regen würde füttern müssen. Tat es jedoch nicht. Kurz nach 19.00 Uhr entschied ich dann, dass es keinen Sinn machte länger zu warten, nass würde ich eh werden. So bereitete ich alles vor für die Fütterung und gab Szunami ihr Futter gleich im Haus. Dann ging ich nochmals ins Schlafzimmer, da ich mir noch lange Hosen überziehen wollte. Während dem umziehen hörte ich plötzlich ein komisches, ganz lautes Rauschen. Ich rannte raus auf den Balkon und sah zum Schwarzwasser und um die Ecke zum Schwandbach hoch. Da fiel mir schon auf, dass der Wasserpegel bei Beiden ungewöhnlich schnell angestiegen war. Und dann sah ich sie kommen, die Flutwelle. Sie war mächtig und führte alles mit, was unterwegs nicht fest verankert gewesen war... Ich rannte die Treppe runter, schnappte mir dabei das Telefon und rief Dani an, er müsse sofort nach Hause kommen, wir würden überschwemmt. Er wies mich an die Feuerwehr zu verständigen. Das tat ich auch, kam leider aber nicht durch. Dann versuchte ich es bei der Polizei, die jedoch auch nicht helfen konnte, da zu dem Zeitpunkt offenbar die gesamte Feuerwehr der Region schon im Einsatz war und nicht erreicht werden konnte. Ich bat sie meine Angaben aufzunehmen und bei erster Gelegenheit eine Meldung abzusetzen. Ich erwähnte noch, dass ich 13 Hunde irgendwie alleine Not evakuieren musste. Ich legte auf, rief nochmals Dani an und bat ihn sich zu beeilen, da die Feuerwehr nicht kommen würde...
Dann raus, es waren noch keine 10 Minuten vergangen und unser Garten stand schon unter Wasser. Ich konnte in dem Chaos nicht genau feststellen, wo das Wasser eingebrochen war, nahm aber an, dass unser Damm irgendwo nicht gehalten hatte. Und da war noch der Schwandbach neben dem Haus, der bedrohlich hoch war. Ich sah, dass sich an der Brücke zum Pferdestall ein halber Wald verkeilt hatte (Baumstämme, Kronen, Geäst und sonstiges Geröll), d.h. der Bach staute zurück. Es war nur noch eine Frage von Minuten, eher Sekunden, bis er überlaufen würde.
Ich rannte zum Hundegehege und holte zuerst Alaska und Snoopy raus. Ich hatte wohl unbewusst überlegt, dass ich mich von da aus innerhalb der Zwinger bewegen und die Hunde via die Verbindungstüren umplatzieren und dann nach und nach rausholen könnte. Alaska lies ich vorerst rennen, da sie ihr Halsband nicht trug. Mit Snoopy rannte ich ums Hundehaus rum um das Halsband zu holen, dann hoch zum Haus. Der Plan war, die Hunde ins Auto zu verladen und dann einfach weg... Als ich schliesslich mit den Beiden auf dem Hausplatz stand stellte ich fest das was fehlte. Wo war der Pick-up? In dem ganzen Durcheinander hatte ich nicht mehr auf dem Radar gehabt, dass wir den Pick-up die Woche zuvor in die Garage gebracht hatten um irgend ein Teil zu repapieren. Dieses musste aber noch bestellt werden und der Garagist hatte noch gemeint, dass wir den Pick-up übers Wochenende nach Hause nehmen könnten, falls wir ihn bräuchten. Wir hatten natürlich nein gesagt, weil nichts ausserordentliches geplant gewesen war... ok, Pick-up nicht da, was tun? In dem Moment brach der Schwandbach ca. 10 Meter hinter dem Haus über den Damm ein spülte auf uns zu.
Ich rannte mit Snoopy und Alaska wieder ums Haus auf die Terrasse und brauchte schnell einige Sekunden um einen Plan B zu finden. Snoopy schrie wie am Spiess und zerrte mit aller Kraft weg von der Terrasse. Ich war so verwirrt und verstand zuerst nicht. Dann sah ich es. Die Schopftüre vibrierte und polterte gefährlich... Natürlich, der Schwandbach floss ja ums Haus herum und der Schopf war voll überstellt mit allen möglichen Gegenständen und Gerätschaften. Ich schnappte mir Snoopy und Alaska erneut und rannte zurück in Richtung Hausecke, als die Schopftüre aufbrach und alles was dahinter nicht nietfest gewesen war herausspülte. Snoopy muss sich dabei an irgendwas scharfen verletzt haben...Der Gute! Er hatte versucht mich zu warnen...
Inzwischen hatte mich die Panik eingeholt und die anderen Hunde waren nach wie vor in ihren Gehegen und schrien vor Panik. So etwas hatte ich zuvor noch nie gehört. Nachdem ich mich gewzungen hatte wieder ruhig zu werden, gab es nur noch eins zu tun; raus mit den Hunden, irgendwie, und sie dann ausserhalb des Rossgrabens irgendwo anbinden oder zur Not auch laufen lassen. Ich rannte mit Snoopy und Alaska unsere Zufahrststrasse hoch. Plötzlich tauchten aus dem Nichts fünf junge Männer auf und sagten, sie hätten gedacht, dass es hier Probleme gäbe und da sie nicht gewusst hatten, ob jemand zu Hause war, wollten sie sehen, ob sie helfen könnten. Ich sagte nur noch: "Euch schickt der Himmel!". Wies sie kurz ein, dass wir alle 13 evakuieren müssten, aber kein Auto da war und wohl auch die Leinen irgendwo in der Flut verschollen waren, d.h. alles schnappen womit man Hund anbinden kann und raus aus dem Wasser.
Einen schickte ich mit Snoopy und Alaska los um sie schon zu befestigen, die anderen stürzten sich mit mir in die Fluten und halfen mir die Hunde, eben durch die Zwingerverbindungstüren innerhalb der Gehege, möglichst weit nach Vorne und Oben umzuplatzieren, damit wir uns noch etwas Zeit verschaffen konnten. Unsere Älteste, Jeska, konnte sich aus eigener Kraft nicht auf die höheren Ebenen retten und stand einfach da. Inok war verzweifelt und sprang immer wieder zu seinem alten Mädchen in die Fluten. Das Wasser stand ihr schon Brusthoch und sie konnte wohl kaum noch stehen mit ihren alten schwachen Beinen. Ich fischte sie und Inok raus, übergab die beiden einem Helfer und bat ihn ganz vorsichtig mit Jeska zu sein und sie langsam rauszuführen.
Dann mussten wir ganz schnell zu Tim und Reja gelangen. Die beiden waren im hintersten Gehege, das sich auf dem tiefsten Niveau des Grundstücks befand. Dort schien das ganze Wasser zusammenzufliessen und es bildete sich ein unheimlicher Strudel. Tim und Reja standen auf ihren Hundehäuser, das Wasser schwappte schon über die Kante. Natürlich blieben sie aber nicht ruhig stehen, sondern sprangen immer wieder ins Wasser und suchten einen Fluchtweg. Die beiden waren total fertig und ausgepowert, als ich endlich bei ihnen war. Ich versuchte sie kurz zu beruhigen und sie dazu zu bewegen sich auf mich zu konzentrieren. Dann erinnere ich mich noch daran zu den Beiden gesagt zu haben: "Tim, Reja, ich bin da, aber ihr müsst jetzt mit mir schwimmen um rauszukommen!" Beide sprangen ins Wasser, ich hielt sie, zusammen mit einem der Helfer, an den Halsbändern fest und führte sie schwimmend aus dem Gehege raus und rauf, bis wir wieder Boden unter den Füssen hatten. Dann übergab ich auch die Beiden an zwei der Helfer.
Endlich traf Dani zu Hause ein und kurz darauf auch seine Familie. Eine kurze Umarmung, Lagebericht, dann schickte er mich zu den schon geretteten Hunden und stürzte sich selber in die Fluten um noch die Restlichen rauszuholen, die zum Glück eben wenigstens die höheren Ebenen hatten, wo sie warten konnten. Irgendwo fischten wir eines der Stake-out aus dem Wasser und konnten dieses provisorisch stellen. Als endlich alle Muten und Grönis am Stake-out waren, konzentrierte ich mich nur noch darauf die Hunde zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass alles gut kommt. Der Rest begann dann langsam vor meinen Augen zu verschwimmen. Es waren zu dem Zeitpunkt viele Leute auf Platz. Familie, Nachbarn, irgendwann die Feuerwehr und wohl auch ein paar Schaulustige. Irgendwie packten alle mit an und halfen, wo sie konnten... Ich wurde dann zur Garage gefahren, wo unser Pick-up stand, um diesen abzuholen, damit wir die Hunde verladen konnten. Irgendwann zog sich das Wasser wieder zurück, es war schon späte Nacht und dann kam der Zeitpunkt, wo wir nur noch gehen wollten.
Die Nacht verbrachten wir bei Dani's Familie in Neuenegg. Die Hunde waren wohlauf in ihren gewohnten Boxen, Szunami war bei uns drinnen. An Schlaf war zwar nicht wirklich zu denken, zu vieles spulte sich vor dem geistigen Augen immer und immer wieder ab. Aber immerhin waren wir in Sicherheit und im Trockenen. Früh am nächsten Morgen fuhren wir dann zurück in den Rossgraben. Die Hunde mussten vorerst ans Stake-out und versorgt werden. Danach konnten wir uns ein Bild verschaffen über die Auswirkungen der Jahrhunderftlut und über den Schaden, den sie angerichtet hatte...
Schock, Trauer, Panik, Wut, all diese Gefühle traten nur kurz an die Oberfläche, als wir den Blick über unser Grundstück und die ramponierte Hundeanlage schweifen liesen. Aber fast zeitgleich schickten wir uns in die Situation und begannen mit den Aufräumarbeiten.
An dieser Stelle bedanken wir uns ganz herzlich bei allen Menschen, Nachbarn, Freunden und Familie, die uns durch die erste Nacht begleitet und erste Hilfsmassnahmen eingeleitet haben. Insbesondere die fünf jungen Männer, die plötzlich da und irgendwann auch wieder weg waren. Vielen, vielen Dank! Ohne euch hätte ich es nicht gepackt, die Hunde rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. |
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